Vom Skigebiet zur Skitour: der leise Wandel
Skitouren ziehen immer mehr Menschen an. Erfahre, warum diese Praxis gegenüber Skigebieten an Attraktivität gewinnt und welche Herausforderungen sie mit sich bringt.
Kurz erklärt
Das Skitourengehen wächst stark, während das Modell der Skigebiete an Grenzen stößt: Skipasskosten, unsichere Schneeverhältnisse und die Suche nach Natur und Stille. Der Wechsel erfordert jedoch echtes Lernen: Schneekunde, Lawinenverschüttetensuche und Geländebeurteilung.
Die Zahlen sprechen für sich
Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Skitourengeher in Frankreich mehr als verdoppelt. Gleichzeitig stagniert oder sinkt die Besucherzahl der Skigebiete je nach Saison. Das ist kein Zufall, sondern ein kultureller Wandel.
Die Zahlen sind hartnäckig. Heute wird die Zahl der regelmäßig Aktiven auf über 400 000 geschätzt, gegenüber kaum 150 000 im Jahr 2010. Gleichzeitig kommen die Skigebiete jährlich kaum über 50 Millionen Skifahrertage hinaus. Diese Zahl stagniert oder sinkt sogar, wenn man die Sondereffekte außergewöhnlicher Winter herausrechnet. Das auf den französischen Plans Neige der 60er-Jahre beruhende Wirtschaftsmodell, das ganz auf den Skisport setzt, zeigt seine Grenzen. Es lässt die Menschen nicht mehr träumen.

Das Ende eines wirtschaftlichen und ökologischen Modells
Der Pistenskisport ist zur Schwerindustrie geworden. Diese Industrie hängt von gewaltigen Investitionen ab: mehrere zehn Millionen Euro für eine einzige Seilbahn, die sich in immer kürzeren und unsichereren Saisons amortisieren sollen. Künstliche Beschneiung wird oft als Lösung dargestellt, verschlingt aber enorme Ressourcen. Sie verbraucht Millionen Kubikmeter Wasser und sehr viel Energie und funktioniert nur bei großer Kälte. Für eine Familie grenzt der Preis eines Skitages ans Absurde: 250 € für Skipässe, dazu die Leihgebühr und das Essen auf der Piste. Die Berge werden zu einem Luxusprodukt, das den Bezug zu seiner Umwelt verloren hat.
Diese industrielle Logik hat unmittelbare ökologische Folgen. Die Umgestaltung der Böden für Pisten und Speicherbecken verursacht irreversible Erosion. Nächtliche Pistenpräparierung und Schneekanonen stören das Ökosystem. Das Skitourengehen entspringt dagegen dem Wunsch nach weniger Aufwand und Ressourcenverbrauch: Körperliche Anstrengung ersetzt den Motor, Geländekenntnis die fluoreszierende Markierung.
Was die neuen Aktiven suchen
Stille. Genügsamkeit. Eine Praxis, die weder von Kunstschnee noch von Liften oder einem Skipass für 80 € abhängt. Und vor allem ein Erlebnis, das man sich erarbeitet und das länger dauert als vier Minuten pro Abfahrt.
Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln des Alpinismus, ein Echo der Philosophie von Mummery, Rébuffat und Terray. Die Berge erobern zu wollen, weicht dem regelmäßigen Unterwegssein. Die eigentliche Belohnung ist der zurückgelegte Weg, nicht der Gipfel. Das langsame Aufsteigen lässt uns eintauchen: vier Stunden Anstrengung, um den Wind zu spüren, den Wechsel des Lichts zu sehen und die Spur eines Schneehasen zu entdecken. Dann eine bewusste Abfahrt auf Schnee, den wir zu lesen gelernt haben. Das ist das Gegenteil schnellen Konsums.
Die Berge sind kein Konsumgut, sondern ein Ort, an dem wir unterwegs sind. Man kauft sie nicht: Man erschließt sie sich durch Anstrengung, Geduld und Demut.
Die Kehrseite der Wildnis
Seien wir nicht naiv: Diese Sehnsucht nach Natur bleibt nicht ohne Auswirkungen. Beliebte Klassiker drohen überlaufen zu werden. Die Parkplätze an den Ausgangspunkten sind voll. Wildtiere, allen voran das Birkhuhn, werden mitten in ihrem winterlichen Überlebenskampf gestört. Die Suche nach Einsamkeit schafft neue Menschenmengen.
Auch das Argument der Genügsamkeit braucht eine Einordnung. Eine vollständige Skitourenausrüstung mit Ski, Fellen, Bindungen, Schuhen und Sicherheitsausrüstung kostet schnell 2 000 €. Das ist eine sehr reale Einstiegshürde. Noch steht diese Praxis nicht allen offen. Sie bringt ihre eigenen sozialen Codes und Konsumformen mit sich, die unauffälliger, aber durchaus vorhanden sind.
Das Risiko des Trends
Die Begeisterung führt auch zu Fehlentwicklungen. Skitourengehen ist keine einfache Abfahrt: Es bedeutet, im Winter im Hochgebirge unterwegs zu sein, mit Lawinenrisiken, Sichtproblemen und Ermüdung. Dieser Wandel wird gut verlaufen, wenn ihn eine fundierte Ausbildung begleitet. Andernfalls droht eine absehbare Katastrophe in der Unfallstatistik.
LVS-Gerät, Schaufel und Sonde sind zugänglich geworden, doch ihre sichere Beherrschung bleibt eine Frage fachlicher Kompetenz. Ein Airbag schützt nicht vor einer schlechten Entscheidung. Die Bergrettung beobachtet immer mehr Unfälle mit unerfahrenen, aber übermäßig ausgerüsteten Personen: das Syndrom der vermeintlichen technischen Unverwundbarkeit. Man folgt einer GPS-Spur, ohne das Gelände zu verstehen, oder fährt in einen Hang, weil eine andere Gruppe schon dort war. Das widerspricht selbstständigem, eigenverantwortlichem Handeln, einem Grundwert dieser Praxis.
Unser Standpunkt
Wir begleiten diesen Wandel mit einer langfristigen Ausbildung. Ein einzelnes Wochenende Schneekunde reicht nicht: Eine ganze Saison dient dazu, Schneedecke, Gelände und Wetter lesen zu lernen. Das unterscheidet eine fundierte Praxis von einem als Freizeitvergnügen getarnten Risiko.
Wir bei EDLM sind überzeugt, dass Freiheit in den Bergen Kompetenz voraussetzt. Sie entsteht Schritt für Schritt durch fachkundig begleitete Erfahrungen. Wir bilden keine Konsumenten unberührter Hänge aus, sondern selbstständig handelnde Bergsportler. Dazu gehört zu lernen:
Ein Schneeprofil zu graben und zu interpretieren.
Karte und Kompass zu benutzen, wenn die Elektronik ausfällt.
Die eigenen Kräfte über längere Zeit einzuteilen.
Eine wirksame und schnelle Rettung zu organisieren.
Und vor allem: rechtzeitig umzukehren. Die wichtigste Fähigkeit am Berg.
Dieser kulturelle Wandel bietet eine großartige Chance. Es liegt an uns, daraus eine neue, authentische, verantwortungsbewusste und nachhaltige Bergkultur zu entwickeln.

Mit EDLM – Alpinschule weiterlernen
Das sind Inhalte von Selbstständig auf Skitouren unterwegs sein und vom Kurs Schneekunde und Lawinenrisikomanagement.
Ein Artikel des Teams von EDLM – Alpinschule, einer Schule für selbstständige Bergsportpraxis unter Anleitung von Bergführern in Annecy, Chamonix, Briançon, Grenoble und Paris.